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Ruth-Schaumann-Schule

Staatliche Förderschule für Gehörlose und Schwerhörige in Lebach

 

Erfahrungsbericht 
der integrativen Kindergartengruppe im
Städtischen Kindergarten Steinbach

Rückblick zur Entstehung der integrativen Kindergartengruppe

Es gibt eine kleine Gruppe von hörsprachbehinderten Kindern im Saarland für die Frühfördermaßnahmen (Eingliederungshilfe für Behinderte) in Regelkin­dergärten ihres Wohnortes nicht ausreichend sind.
Außerdem sollte diese kleine Gruppe nicht „unter sich" bleiben, da so Lerner­fahrungen, die eine Regelkindergartengruppe bietet, nicht entstehen können. Also entstand der Gedanke die Kooperation mit einem Regelkindergarten der Stadt Lebach zu suchen, in dem die hörsprachbehinderten Kinder sowohl vom Angebot der Hörbehindertenschule profitieren können als auch die Tages­struktur und der Entwicklungsraum einer Regeleinrichtung vorhanden sind.
Seit dem 1. September 2003 gibt es im Saarland diese erste integrative Grup­pe für hörsprachgeschädigte Kinder im Vorschulalter im städtischen Kindergar­ten Lebach-Steinbach.
Eine echte Kooperation entstand, denn die Staatliche Schule für Hörbehinder­te sowie der Kindergarten der Stadt Lebach tragen gemeinsam durch Ausstat­tung, Personal und notwendigem "Know-how" zum Gelingen bei.
Nach einem erfolgreichen Jahr mit vielen wichtigen Momentaufnahmen wollen wir resümieren und über die äußerst positiven Entwicklungen der Integrativen Kindergartengruppe informieren.  

Erfahrungen im Gruppenalltag am Beispiel eines Tagesablaufes

Mittwochvormittag, 9.00 Uhr:  
Unsere 6 hörbehinderten Kinder treffen mit ihrem persönlichen Chauffeur (einem Zivildienstleistenden der Schule für Hörbehinderte) sowie der Erzieherin (Frau Hantschel; Bedienstete der Schule) und einer Praktikantin im Kindergarten ein. Jeden Morgen strahlende Gesichter, denn nach nunmehr einem Jahr sind die Kinder voll integriert und freuen sich auf den Morgen in ihrer Mondscheingruppe. Hier werden sie von den Steinbacher Kindern und der Erzieherin ( Mareike Ohlmann, Bedienstete der Stadt Lebach) herzlich begrüßt.  

Das allmorgendliche Ritual beginnt: Die Hörgerätekontrolle 
Hierbei handelt es sich um ein Verfahren, welches immer noch und immer wieder interessant für die hörenden Kinder der Gruppe. Heute morgen hilft der sechsjährige Niklas mit. Er kontrolliert mit Hilfe des Stethoclips die Funktionstüchtigkeit des Hörgerätes.  

Danach finden sich die Kinder in verschiedenen Spielgruppen zusammen, wo gespielt, gebaut, gemalt und geforscht wird.  

Um 9.30 zeigt die Zimmerampel grün.  
Jedes Kind kann nun mit seinem Magnetpin frei wählen, wo es heute aktiv werden möchte. ( z.B. Freinet-Werkstätten : Lesestübchen, Kreativwerkstatt, Forscherlabor; Bewegungsraum, Snoozelraum, Computer...)  
Mittlerweile trauen sich auch alle hörbehinderten Kinder zu, auf Entdeckungsreise zu gehen. Selbst C. braucht nur noch selten Hilfestellung. Heute morgen zeigt er Mareike mit seinen Gebärden, dass er zu den Hasen möchte. Zum Füttern, erklärt er. C. ist Mitglied im Hasenclub, einer Projektgruppe der Sternengruppe. Er hat auf dem Dienstplan gesehen, dass er heute Fütterdienst hat. Beim Öffnen der Stalltür braucht er noch Hilfe, aber das Füttern kann er schon alleine. C. ist begeisterter Hasenfan und würde am liebsten den ganzen Morgen hier verbringen.  

Gegen 10.00 Uhr machen sich heute unsere Waldwichtel, die sich selbst nach mehreren Waldsäuberungsaktionen zur Waldpolizei ernannt haben, auf die Socken. Unverzichtbar ist unser Bollerwagen, der mit wichtigen Utensilien beladen ist. Auch J und V sind Waldpolizisten. Ebenso wie die hörenden Kinder sind sie derzeit begeisterte Müllsammler. Diese Aufgabe haben die Kinder sich selbst gestellt und zur Freude unseres Försters sehr umweltbewusst durchgeführt. Wir sind gespannt, wann der Wald die Kinder auf andere Wege führt...  

Zwischenzeitlich ist Frau Küster (Sonderschullehrerin der Schule) eingetroffen. Frau Küster informiert sich regelmäßig nach der Gruppensituation und wählt dementsprechend und in Absprache mit dem Gruppenpersonal ihre Angebote aus.

Alle Kinder lieben es an den Angeboten von Frau Küster teilzunehmen, so dass zuweilen in der Mondscheingruppe eine arg reduzierte Kindergartengruppe vorzufinden ist.

Frau Küster ist uns eine liebgewonnene Kollegin geworden und in unserem bunten Team nicht mehr wegzudenken. Dies gilt ebenso für Frau Giese, die als Sonderschullehrerin im rhythmisch - musikalischen Bereich aktiv ist.

Es ist 11.00 Uhr. Der Gong schlägt und sagt allen: „Es ist Zeit in die Gruppen zurückzugehen.“ Das einzige gehörlose Kind, C., wird, wenn nötig, gebärdend auf das Zeichen aufmerksam gemacht. Meist orientiert er sich jedoch an den übrigen Kindern und geht zurück in die Gruppe.

In den Gruppen entstehen nun je nach Situation, Stuhlkreisspiele, Kinderkonferenzen, Geburtstagsfeiern ... oder wir gehen nach Draußen und erkunden unseren Spielplatz.  

Um 11.30 Uhr kommen auch unsere Waldpolizisten wieder im Kindergarten an und berichten vom Erlebten.

Unser fahrendes Küchenmobil bringt nun für alle hungrigen Kindergartenkinder das Mittagessen.  
Um 13.00 Uhr fahren die hörbehinderten Kinder zurück nach Lebach, und von dort nach Hause.  

Um 13.30 schließt der Kindergarten für alle Kinder.

Ein erlebnisreicher Tag hat sein Ende gefunden.

Wochenplan der Therapiestunden mit den Sonderschullehrern der Schule für Hörbehinderte:

Montag
:   Sprachtherapiestunden mit Frau Küster von 10.00 bis 11.30 Uhr
 
Dienstag:  Gruppenalltag
 
Mittwoch: Sprachtherapiestunden mit Frau Küster von 10.00 bis 11.30 Uhr
 
Donnerstag: Rhythmisch- musikalische Therapiestunden mit Frau Giese von 10.00    bis 11.30 Uhr 
Freitag
:      Gruppenalltag

Erweiterungen der Ausstattung:

-   Ausbau eines Therapieraumes, der gleichzeitig als Speiseraum  genutzt wird.
-        Mobilar für den Raum
-    Ein Computer für die Sprachtherapie.

-        
Angrenzend an den Raum eine Terrasse mit der Möglichkeit draußen zu essen bzw. draußen          
      Therapiestunden abzuhalten.
-        
Ein Servierwagen für unsere Mittagsmahlzeiten.
-        
Regelmäßige Personalfortbildung in der Gebärdensprache an der Schule für Hörbehinderte.

 Spezifische Erfahrungen im Gruppenalltag:

-         Es gibt nur noch sehr geringe Verständigungsprobleme unter den Kindern und es bedarf selten der Zuhilfenahme von Erzieherinnen.

-         Die Nutzung von Mimik und Gestik gehört zur „normalen Verständigung“.

-         Die behinderten Kinder sind voll im Gruppengeschehen als auch gruppenübergreifend integriert. Die Teilnahme an Projekten anderer Gruppen und das freie Wechseln innerhalb der Gruppen sind zu Selbstverständlichkeiten geworden.

-         Es besteht immer noch eine besonders große Fürsorge der Kinder für das Kind mit Bather Syndrom, obwohl er sie gar nicht mehr benötigt und sich zuweilen auch „genervt“ fühlt.

-         Auffällig sind noch die zum Teil großen Differenzen in der Entwicklung des Sprach- und Sozialverhaltens. Dies hängt jedoch von verschiedenen Faktoren ab.
 

Derzeitiger Entwicklungsstand der hörbehinderten Kinder:

V. ist 6 Jahre alt, trägt beidseitig Hörgeräte. Sein Höralter beträgt 1,3 Jahre.

(d.h. V. trägt erst seit 1 Jahr und 3 Monaten Hörgeräte, also ist sein „Sprachentwicklungsalter“ erst 1,3 Jahre alt)

V. ist Italiener und seine Familie spricht wenig deutsch. Für V. ist Deutsch die Fremdsprache aber dennoch macht er sehr große Entwicklungsfortschritte hinsichtlich seines Wortschatzes und seines Satzbaus. Er ist voll integriert, selbstbewusst, sehr offen, überaus selbständig und sehr beliebt in der Gruppe. Er nutzt alle Bereiche der Einrichtung ohne Probleme, ist erfreulich neugierig und aktiv sowie ein begeisterter Waldpolizist. V. hat bereits das Forscherdiplom erlangt.

J.   ist 5 Jahre alt, rechts CI-implantiert, links ein Hörgerät.

(CI = Innenohrimplantat, das bei Taubheit implantiert werden kann und so Hören ermöglicht.

Seine  Gaumen - Lippenspalte wird derzeit behandelt. Die Sauberkeitserziehung ist bei J. fortgeschritten aber noch nicht abgeschlossen. Er zeigt einen sicheren Umgang mit Kindern und Erziehern. Sein Selbstbewusstsein hat sich enorm gesteigert.

Er erfasst das Gruppengeschehen gut, wechselt selbständig die Aktionsbereiche auch außerhalb der Gruppe und ist im Spiel sehr kreativ. Er macht große Fortschritte in der Entwicklung seiner Grob- und Feinmotorik und hat von allen  Kindern die größten sprachlichen Fortschritte gemacht. Auch J. ist begeisterter Waldpolizist.

 

M. ist 5 Jahre alt, rechts implantiert.

Er hat die anfängliche, große Anspannung verloren, jedoch keine Kontakte zu den Kindern in der Gruppe. Einen guten Kontakt hat er zu dem Erziehungspersonal aus allen Gruppen.

Die Entwicklung seiner Sprache macht keinerlei Fortschritte. Er reagiert zwar     manchmal auf Gestik aber nicht regelmäßig und mit sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Er ist schwer zu motivieren und hat beim Spiel wenig Ausdauer. Er zeigt handwerkliches Interesse und macht so Fortschritte im motorischen Bereich. Eine zusätzliche Behinderung kann bei M. nicht ausgeschlossen werden.

 

C. ist 3 Jahre alt, gehörlos.

Ein CI.-Implantat konnte nicht erfolgreich implantiert werden. C. leidet am Bather-Syndrom (eine seltene Erbkrankheit mit einem breiten Spektrum an möglichen Symptomen).

Er wird über eine Sonde ernährt . Hierfür kommt täglich der ansässige Pflegedienst in die Einrichtung. C. hat Laufen gelernt und beginnt selbständig zu essen. Dies war für alle Beteiligten ein großes Erlebnis.  Die Sauberkeitserziehung ist bei C. noch nicht abgeschlossen. C. knirscht extrem mit den Zähnen.

Er gebärdet ausschließlich und macht große Fortschritte im Gebärdenwortschatz. C. ist sehr aktiv, neugierig und offen. Er bringt sich ins Gruppengeschehen mit ein, ahmt die Kinder nach und lernt unglaublich schnell. C. ist Mitglied im Hasenclub. Er liebt es, die Hasen zu füttern und zu streicheln. Der größte Erfolg ist jedoch, dass C. so selbständig geworden ist, dass er keine Einzelbetreuung mehr benötigt.

 

J. ist 6 Jahre alt, besucht den Kindergarten erst seit März. Sie trägt beidseitig Hörgeräte. Ihr Höralter beträgt 6 Monate.

J. ist sehr sozial im Umgang mit anderen Kindern und sehr hilfsbereit. Im Spiel zeigt sie sich äußerst  kreativ, nutzt das offene Gruppengeschehen ohne Probleme. Sie ist sehr selbständig und macht große sprachliche Fortschritte. J. versteht Sprache und setzt sie um. Sie hat in kurzer Zeit Kontakte in der Gruppe geknüpft.

 

N. ist 3 Jahre alt und leidet an einer seltenen Stoffwechselerkrankung. Er trägt beidseitig Hörgeräte. Sein Höralter beträgt 1 Jahr.

Er zeigt ein sehr gutes Sprachverständnis, ist Musikliebhaber und von seinem Wesen ein sehr fröhliches und offenes Kind. Er hat noch soziale Probleme und kann schwer Regeln einhalten.

Er mag reges Treiben und sucht den Kontakte zu Kindern. Er hat einen äußerst großen Bewegungsdrang und fällt zuweilen auch überaktiv auf.

Abschließend kann festgestellt werden, dass die Grundgedanken, die Frau Forster mit ihrer Idee der integrativen Kindergartengruppe in Steinbach hatte, voll zum Erfolg geführt haben.

Es besteht derzeit eine sehr harmonische Gruppensituation in unserem Mondscheinzimmer. Dies hängt im Wesentlichen vom Personal der Gruppe ab. Die beiden Erzieherinnen arbeiten  vorbildlich zusammen, tauschen sich regelmäßig aus und haben eigene Zeiten zur Reflexion. Sie ergänzen sich auf der einen Seite mit vielfältigen Erfahrungen in der Freinet- Pädagogik, sowie auf der anderen Seite in langjähriger Erfahrung im Hörbehindertenbereich. Ihr Engagement ist außergewöhnlich und macht zum großen Teil diesen Erfolg erst möglich. Unser Dank gilt neben Frau Forster als Initiatorin auch ganz besonders den beiden Sonderschullehrerinnen der Schule. Frau Küster und Frau Giese sind sehr engagiert und interessiert an allem, was sich in unserem Haus entwickelt. Sie versuchen stets auf die Kinder einzugehen und haben sich gänzlich auf unsere situationsorientierte Arbeit eingestellt. Es vergeht kein Morgen an dem die Kinder nicht nach einer der Damen fragen.

Für uns als Team stellte diese neue Arbeit eine Herausforderung dar, auf deren Erfahrungen keiner von uns mehr verzichten wollte. Die Freude über diese „Kleinen Schritte zu einem Lernerfolg“, waren für uns völlig neu und überwältigend. So Zitat einer Kollegin :
„Als C.  zum ersten Mal auf mich zugelaufen ist – das war wie Weihnachten“.

Steinbach im August 2004,

Susanne Schwan
Mareike Ohlmann
Elisabeth Hantschel